Helge Emmaneel


Verlangsamung der Landschaft, bis Meer und Himmel eins werden

Helge Emmaneels fotografische Licht-Malerei
von Belinda Grace Gardner


Der Blick geht hinaus aufs Meer. Türkisblaue Reflexe, fast unmerkliches Kräuseln des Wassers. Darüber ein heller, fast weißer Himmel. An der Horizontlinie, wo die Elemente Wasser und Luft, die Farben Blau und Weiß, die Phänomene Meer und Himmel, Bewegung und Ruhe aneinander stoßen, wird das Landschaftsbild zur Abstraktion. Der Titel der beschriebenen fotografischen Arbeit von Helge Emmaneel aus dem Jahr 2002 lautet in kühler Sachlichkeit    „13 C“. Die lakonische Bezeichnung deutet auf zwei durchgängige Aspekte seiner künstlerischen Herangehensweise: eine serielle Beschäftigung mit seinem Sujet und einen bewussten Verzicht auf eine narrative Besetzung der Motive zugunsten einer erweiterten Wahrnehmung. Das Meer und die Topografie am Meeressaum sind zentrale Themen des 1969 in Essen geborenen Foto-Künstlers, der im Ruhrgebiet aufwuchs und seit 1996 in Hamburg lebt. Die unerschöpfliche Veränderbarkeit des Meeres, das sich in jeder Sekunde und mit jedem Wellenschlag wandelt: Darin liegt für Emmaneel eine nachhaltige Faszination, der er in seinen Foto-Serien intensive Gestalt gibt.

Bei seinen Exkursionen in die Landschaften an Ost- und Nordsee, in Schottland oder auf den Kanarischen Inseln sucht er die „Abstraktion des Zufalls“, den Moment, in dem sich „Farben und Formen der Natur, das zufällige Zusammenspiel des Lichts, der Wolken und des Windes“ vor dem fotografischen Auge zu einer Komposition verdichten. In seinem Zyklus von „Seascapes“ aus dem Jahr 2001 verschwimmen die Konturen zwischen den sanften Abstufungen violetter und azurblauer Farbtöne des Ozeans und dem zarten Blau des Himmels. Meer und Himmel sind kaum noch voneinander zu unterscheiden, werden eins. Die Ansichten lösen sich auf in weiche Querbänder, geometrisch und organisch zugleich, wie die schwebenden, an den Rändern oszillierenden Farbstreifen des Abstrakten Expressionisten Mark Rothko. Emmaneels  Seestücke sind auch im übertragenen Sinne „Seh-Stücke“, die ein anderes, neues Sehen von Natur und Landschaft erlebbar machen.

Der Künstler begibt sich mit der Kamera in mehrfacher Hinsicht auf das Terrain der Malerei. Nicht nur formal vermitteln seine fotografischen Arbeiten eine malerische Qualität. Auch inhaltlich schwingt in ihnen die reichhaltige Tradition der Landschaftsmalerei mit, die unsere Auffassung von „Natur“ und „Landschaft“ grundsätzlich geprägt hat. Wollte man Emmaneels Seestücke einer Strömung zuordnen, so offenbaren sie eine deutlich größere Affinität zu den sehnsuchtserfüllten Weiten romantischer Naturdarstellungen als zu den stimmungsschweren Szenarios der niederländischen Landschaftsmalerei, in denen dramatisch zerfetzte Wolkenhimmel und aufgepeitschte Wellen den Hintergrund für allegorische Verweise auf die Vergänglichkeit des Irdischen und die Kraft des Glaubens bilden. 

Bezeichnenderweise ist Emmaneel vom großen englischen „Lichtmaler“ der Romantik William Turner beeinflusst worden, der die transitären Erscheinungen des Naturschauspiels von Wasser, Wind und Wolken auf die ganze Leinwand ausdehnte und damit zum Vorreiter der modernen abstrakten Malerei wurde. An Turners bis zur Abstraktion befreiten Landschaften hat der Fotograf schon früh seinen Blick geschult. Indes herrscht, anders als bei Turner, in den Bildern von Emmaneel selten stürmisches Wetter. Die anmutigen Landschaften des Fotografen evozieren eher die kontemplative Atmosphäre von Caspar David Friedrichs schimmernden, in die Grenzenlosigkeit führenden Meerespanoramen - gepaart mit einer bisweilen nahezu grafisch anmutenden Dekonstruktion des Motivs: eine spannungsvolle Gleichzeitigkeit von empfindsamer Unterströmung, malerischer Komposition und minimalistisch-klarer Bildstruktur. In dieser Hinsicht weisen seine Serien eine  Verwandtschaft zu den „Seascapes“ des japanischen Foto-Künstlers Hiroshi Sugimoto auf. Sugimoto, den Emmaneel als einen wichtigen Auslöser für seinen fotografischen Ansatz nennt, hat das Meer in endlos ruhige, beinah stillebenartige Bildsequenzen von malerischer Schönheit gebannt, die zugleich einen hohen Grad an Reduziertheit und Abstraktion besitzen.

Gleichwohl die Malerei als Medium in den vergangenen Dekaden nie zu existieren aufhörte und gerade in jüngere Zeit eine vehemente Wiederbelebung erfährt, so sind es bisher vor allem die Foto-Künstler gewesen, die den traditionellen Genres der Malerei – vom Porträt bis zur Landschaft – immer wieder Aktualität und neue Ausdrucksformen verliehen haben. In seiner Fokussierung auf Seestücke und Landschaften folgt Emmaneel insofern einer gegenwärtigen Tendenz, geht aber noch einen Schritt weiter ins Gemälde hinein, indem er eben die flüchtigen Zustände der Natur auf eine Weise abbildet, dass diese in der Fotografie gleichsam selbst zu Malerei werden. Neben Turners Weg weisender Auffassung des Naturschauspiels nennt Emmaneel auch Gerhard Richters malerische Repräsentationen fotografischer Abbilder als einen künstlerischen Orientierungspunkt. Richter führt in der charakteristischen Verschwommenheit seiner Gemälde eine „unbegreifliche Wirklichkeit“ vor Augen, die für ihn „mit Unschärfe, Unsicherheit, Flüchtigkeit, Teilweisigkeit“ zu tun hat.

Emmaneel wiederum arbeitet mit der innewohnenden Unberechenbarkeit seiner Sujets – Himmel, Meer, Landschaft -, die er im Augenblick, in dem sie sich momenthaft zu einem Bild konstellieren, in all ihren subtilen Nuancierungen festhält. Er setzt teils extrem lange Belichtungszeiten ein, fotografiert aus der Hand, erzeugt durch Bewegungen bewusste Effekte der Verwischung. Die Unschärfen verursachen ein magisches Ineinanderfließen der Farben und Formen, punktiert durch die zeichnerisch-filigranen Texturen von Wellen, Dünen, Gräsern und anderen Eigenheiten der Landschaft - in Emmaneels Worten: „Die Dinge verlieren ihren natürlichen Charakter und verwandeln sich in eine Vision.“ In ähnlicher Weise verfährt der Fotograf in Serien, in denen er den Landschaften der Erinnerung in seinem heimatlichen Ruhrgebiet nachspürt. Eine Eisenbahnbrücke, eine verfallene Zeche, ein oft beschrittener Rundweg durch einen Wald. Orte, an denen Emmaneel ein Stück vergangene Zeit fotografisch zu vergegenwärtigen sucht, wohl wissend, dass sich diese ebenso wie die Wellen im Meer ständig im Fluss befindet. Die fotografische „Licht-Malerei“ des Künstlers, in der sich die Landschaft als solche verflüssigt und transformiert, trägt dem Gedanken Rechnung, dass nichts bleibt wie es war, alles in Bewegung ist, selbst wenn ein Augenblick zum Bild wird. In Helge Emmaneels poetischer Kunst der Verlangsamung der Landschaft liegt auch die Aufforderung, inne zu halten, einen Wellenschlag lang aus der künstlichen Betriebsamkeit des modernen Lebens auszubrechen und sich der eigenen Existenz und deren Verankerung in der sich ständig erneuernden und wandelnden Natur bewusst zu werden.